Die Einwohner der italienischen Stadt Cerreto waren bekannt als marktschreierisch herumziehende Verkäufer von allerlei Drogen und Heilmitteln. Aus "Cerretano" (Mann aus Cerreto) entwickelte sich das italienische "ciarlatano", aus dem im 17.Jahrhundert das deutsche Wort Scharlatan entlehnt wurde. Auch im 20.Jahrhundert gibt es Leute, die herumziehen und allerlei Heilmittel und Drogen z.B. gegen die Mukoviszidose anbieten. In dreißig Jahren Leben mit Mukoviszidose konnte ich einige von ihnen kennenlernen.
1986: Herr Otto R. aus Koblenz diagnostiziert aufgrund eines Artikels mein "homöostatisches Defizit" und ein "reduziertes Thymus-Potential" und belegt seine Diagnose mit einem Datenblatt der Fitness-Analyse nach dem Rotfried-Verfahren. Mein Zell-Energie-Potential (nur einer von 97 Werten) liegt z.B. bei 68 mV, der Normalwert bei 122 mV. Es droht die Destabilisierung der Bio-Homöostase und die Genlabilität! Wie Herr R. diese bioenergetischen Fitness-Parameter ermittelt (er hat mich nie gesehen!), kann er aus patentrechtlichen Gründen nicht mitteilen, aber er ist optimistisch, mit natürlichen Mitteln und "ohne viel Geld" meine bioenergetische Fitness wiederherstellen zu können.
1987: Eine Heilpraktikerin meldet sich bei mir und will mich kostenfrei heilen, weil sie die Mukoviszidose interressiert. Sie hält eine Antibiotikatherapie für absolut kontraindiziert, denn die Bakterien erzeugen nicht die Krankheit, sondern nutzen nur das vorhandene Milieu. Unter Umständen müsse ich "einen sehr akuten Zustand durchlaufen", der allerdings von einem guten Arzt überwacht werden müsse, "denn ersticken lassen können wir Sie ja nicht". Der Rest des Briefes ist Prahlerei und Rechthaberei gegenüber der Schulmedizin.
1988: Ein pensionierter Internist, Dr. K. aus Würzburg, behauptet, die Mukoviszidose heilen zu können. Nach seiner Hypothese kann das Enzym Beta-Glukuronidase die Schleimbildung in den Drüsen normalisieren, indem es mittels Glukuronsäure stimuliert wird. Ich erkundigte mich bei Mukoviszidose-Ärzten und Pharma-Professoren, die die Hypothese nicht als falsch abweisen konnten und mir die Ungefährlichkeit einer Anwendung bestätigten. Also fing ich an, mir nach Anleitung des Arztes drei Tropfen einer 1%igen Glukuronsäure in die Nase zu tropfen. Die Wirkung war überzeugend: Ich konnte lockerer husten, fühlte mich fitter und hatte weniger Sekret.
Zumindest hatte ich das Gefühl, daß es so war. Nach wenigen Tagen normalisierte sich alles wieder und der Arzt erhöhte schrittweise die Dosis, bis ich einen getränkten Wattebausch in die Nase stopfen sollte. Auf meine etwas mißtrauischen Fragen kamen immer verdächtigere Antworten. Es stellte sich heraus, daß Dr. K. alles mögliche mit Glukuronsäure behandelte, er wollte damit das Waldsterben bekämpfen und seine Terassenplatten schön glänzend halten. Als ich dies nach und nach erfuhr, erkannte ich, daß ich auf einen Quacksalber hereingefallen war und brach das Experiment ab. Seitdem weiß ich, wieviel subjektive Verbesserung man sich einbilden kann.
1989: Frau Ingrid R. aus Possenhofen ist von der Makrobiotik überzeugt. Diese buddhistische Diät bedeutet im wesentlichen, nur noch Getreide zu essen. Krebs, Multiple Sklerose, Diabetes seien damit geheilt worden. Der Körper werde total entgiftet, vor allem in den Atemwegen von allen Ablagerungen. Aus ihrem Brief: "Natürlich gibt es auch negative Fälle, aber dann war die Krankheit schon zu weit fortgeschritten. Sie haben den Kampf leider verloren, aber sie sind ´glücklich´gestorben." Makrobiotik ist eine so einseitige Ernährung, daß selbst Gesunde daran erkranken können...
1992: Das Kurgestüt Hoher Odenwald bietet unter dem Titel "Kumys-Therapie" Stutenmilch an, die bei Magen- und Darmerkrankungen heilend wirken soll nach dem Prinzip "nährt, stärkt und regt an". Man beruft sich auf Ärzte aus Rußland, wo die Stutenmilch seit jeher als Getränk der Gesundheit und der Langlebigkeit gilt. Das ganze hat nur einen Haken: Ein Liter Stutenmilch kostet 18 DM und schmeckt nicht so gut wie Kuhmilch.
1994: "Ingenieur Dieter K." aus Osnabrück behauptet, Mukoviszidose sei gar keine Erbkrankheit. In Wirklichkeit wird sie durch Steuersignale von Fernsehröhren erzeugt. "Die Frequenz dieser Signale steuert die Muko-Gene derart, daß diese dem Gehirn einen zu starken Speichelfluß signalisieren, welches dann die Anweisung entsprechend dem uns bekannten Krankheitsbild ordert". Mit seinen pseudophysikalischen Ausführungen ist er bei mir allerdings an den falschen geraten ("Die Reichweite hängt von der Wellenstärke, der Kraft einer Frequenz ab").
Ein Tee von den Blättern des Bogenhanfes erzeugt die heilende Gegenstrahlung, außerdem können die gefährlichen Signale mittels Glasplatten neutralisiert werden. Auf meine ironische Frage, ob nicht auch das Umwickeln von Fernsehern mit Bogenhanf Heilung verschaffen könnte, antwortet Ing.Dieter K. wieder mit einem seitenlangen, ernsthaften Brief. Die Neutralisierung würde von ihm selbst durchgeführt und kostet pro Tag ca. DM 1000,-...
1995: In der Zeitschrift "klopfzeichen" erscheint ein Artikel von Dr. Moravansky über Homöopathie, der deutlich zeigt, daß es sich hier nicht um Wissenschaft handelt. Das Prinzip der Homöopathie wurde nämlich nicht "entdeckt", sondern schlichtweg postuliert. Das Grundprinzip der Homöopathie, daß ein Symptom durch ein Mittel in großer Verdünnung gemindert werden könne, das in hoher Dosierung gerade diese Symptome hervorruft, ist bis heute weder erklärbar, geschweige denn bewiesen.
Die "Veränderung der Netzstruktur durch Verschütteln" wird in Bezug gebracht mit "Einflüssen der Gestirne auf Bäche und Flüsse (z.B. Gezeiten der Ozeane)". Die Gezeiten entstehen aber durch die Gravitationskraft des Mondes auf das Wasser der Weltmeere, berechenbar und physikalisch zu erklären. Was ist dagegen die "Eigendynamik einer Substanz", wie wird sie auf das "Trägermedium übertragen"? Wie soll die "Netzstruktur des Wassers" (gemeint sind wohl die Bindungen zwischen den H2O-Molekülen) sich durch verschütteln ändern?
Die klassische Homöopathie hat bei Mukoviszidose sicher keine lebensverlängernde Wirkung. Ein erfahrenen Mediziner aus der Muko-Szene hat mir die Dringlichkeit dieser Warnung vor Augen geführt: Die meisten schwerkranken Lungenpatienten, die er gesehen habe, seien durch Homöopathie kaputt-therapiert worden.
Nach Dr.Cegla sind solche Wundermethoden durch folgende Kriterien erkennbar:
- Die Begründung beruht auf Kasuistik ("Ich hatte einen Patient, der ...")
- Statistische Untersuchungen und Vergleichsstudien fehlen.
- Den Patienten geht es selten besser, sie werden fast immer gleich gesund.
- Die Behandlung wird nur ungenau beschrieben.
- Auf Nebenwirkungen wird nicht eingegangen.
(zuerst erschienen in Mukoviszidose aktuell)