Was Hilfesuchende wissen sollten
Ehrliche Antworten auf 45 spannende Fragen
392 Seiten, Lea Verlag:Schönbrunn 2000, ISBN 3-930147-10-6, Preis ca. 25 EUR

Kann es so etwas geben? Viele Betroffene suchen Alternativen zur Schulmedizin. Dazu gehören auch Reiki und andere Formen des Handauflegens, Gebetsheilen, mediales Heilen und andere Methoden, die man unter dem Begriff „geistiges Heilen“ zusammenfassen kann. Angesichts der objektiv oft schlecht messbaren Erfolge wird auch ehrlicher von „Genesungshilfe“ gesprochen.
„Das sind alles Quacksalber!“ Diese spontane Reaktion wird doch problematisch angesichts einiger Studien über rätselhafte Phänomene. In dem Buch werden mehrere Veröffentlichungen in seriösen Fachblättern zitiert über „unerklärliche Genesungen“, die auf den Einfluss geistigen Heilens zurückgeführt wurden.
„Das sind alles Placeboeffekte“ Das kommt der Sache schon näher. Inbrünnstiger Glaube kann „Berge versetzen“, wie die Bibel in Aussicht stellt. Tatsächlich zeigen viele Studien, dass alleine der Glaube, ein Mittel tue einem gut, tatsächlich zur Besserung führen kann. Aus schulmedizinischer Sicht und mit heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis ist geistiges Heilen nichts anderes als Suggestion und Telepathie. Die Heiler verweisen hingegen auf Fälle, die mit der Placebowirkung nicht erklärt werden können. In diesem Konflikt gibt es keine Lösung, man muss ihn aushalten.
Akzeptabel ist für mich folgende Gedanke: Erklären kann man einige der beobachteten Effekte nicht. Aber „Wunder“, das betonte schon der Heilige Augustinus vor 1600 Jahren, „geschehen nicht im Widerspruch zur Natur, sondern nur im Widerspruch zu dem, was wir von der Natur wissen“. Auch subjektive Veränderungen können wertvoll sein: Wenn der Patient wieder Kraft, Lebensmut und Freude verspührt und aufhört, mit seinem Schicksal zu hadern, so tut ihm die Behandlung gut, auch wenn sich objektiv an seinem Krankheitsbild nichts ändert.
Auch eine liebevolle Mutter „heilt“, wenn sie intuitiv ihren Kleinen zärtlich die Hände auflegt und mit dieser Geste beruhigt, entspannt, Schmerzen lindert. Und „Nichtprofessionelle“ verhalten sich in therapeutischen Situationen offenbar einfühlsamer, „wärmer“ und „echter“, Profis (Mediziner) hingegen wirken vielfach „abgebrüht“ (Psychologie heute 1/1980, S.62).
Einige Grundsätze, die Patienten unbedingt berücksichtigt sollten, werden vom Autor erfreulich klar ausgesprochen:
- Letztlich ist es immer nur der Hilfesuchende selbst, der sich heilen kann: „Heilen bedeutet eine Umarmung dessen, was am meisten gefürchtet wird“.
- Begriffe wie „Energie“ und „Kraft“ sind beim geistigen Heilen nie wörtlich (oder physikalisch) zu nehmen, sondern sind Symbole für etwas, was nicht erklärbar ist.
- Wenn jemand sofortige vollständige Heilung verspricht, ist er ein Scharlatan.
- Die schulmedizinische Behandlung nach den neuesten Erkenntissen muss unbedingt fortgesetzt werden.
Der Band enthält in 45 Abschnitten leicht lesbare und ausgewogene Antworten auf häufig auftretende Fragen zum Thema Heilen. Anhand von Praxisbeispielen lernt der Leser, zwischen seriösen Angeboten und Scharlatanen zu unterscheiden. Für denjenigen, der einen Heiler aufsuchen möchte, oder der unabhängige Informationen zum Thema sucht, ist das Buch deshalb unbedingt zu empfehlen.
Zum Autor: Dr.Wiesendanger leitete eine Dachorganisation für Heilerverbände, zählt zu den Mitorganisatoren der Basler „Weltkongresse für Geistiges Heilen“ und gab bis vor kurzem die Fachzeitschrift „Der Heiler“ heraus. Er gilt als Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Aberglaube und verfolgt die Szene aus kritischer Distanz, u.a. wegen der zunehmenden „Durchseuchung der Heilerbewegung mit Begierden nach Geld und Geltung“ und die „scheinheilige, esoterisch bemäntelte Verschwörung auf Kosten der für dumm verkauften Hilfesuchenden“.
Buchbesprechung für Mukoviszidose-aktuell (von Stephan Kruip, 02.06.2000)